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Die Rütli-Schule ist eine Hauptschule in Berlin-Neukölln. Im Schuljahr 2005/2006 hatte sie 267 Schüler. Die Schule wurde bundesweit bekannt, als Lehrer im März 2006 der Senatsverwaltung Berlin in einem Brandbrief angeblich die Auflösung der Schule in dieser Zusammensetzung verlangten, weil sie der Gewalt durch Schüler nicht mehr standhalten könnten. Dies führte zu einer innenpolitischen Debatte über das Schulsystem in Deutschland, der Gewalt an Schulen und der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund.

Geschichte Bearbeiten

Das Schulgebäude wurde als 31/32. Gemeindeschule in Rixdorf (Neukölln) im Oktober 1909 eingeweiht. Während des Ersten Weltkriegs diente es als Kaserne, ab Januar 1920 wieder als Unterrichtsgebäude. 1921 besuchten 1.400 Schüler die Lehranstalt. Ab Ostern 1923 erhielten zwei Schulen in dem Gebäude, die 31. und die 32., offiziell die Erlaubnis als weltliche Gemeinschaftsschule zu wirken (ohne Religionsunterricht und mit gemischten Klassen). Die dritte Schule, die 41./42., wurde neu gegründet und nur als weltliche Schule/Sammelschule für Jungen bzw. Mädchen geführt. Prägend für den demokratisch-reformerischen Ansatz der Schulen waren die pädagogischen Auffassungen ihrer Rektoren Wilhelm Wittbrodt und Adolf Jensen, wie auch das bildungspolitische Engagement vieler Lehrkräfte und Eltern; genannt sei Käthe Draeger die nach 1926 dort unterrichtete. Arbeitsgemeinschaften, Fahrten und andere reformpädagogische Unterrichtsformen und Methoden prägten viele Schülerjahrgänge, die alle stolz von ihrer Rütli-Schule erzählen. Von 1928 bis 1934 besuchte der spätere Widerstandskämpfer Hanno Günther die Rütli-Schule. Sofort nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die Schule in der genannten Form aufgelöst. Ab 1943 war im Gebäude ein Lazarett eingerichtet. Als Schule wurde das Gebäude ab Juni 1945 wieder in Betrieb genommen. 1960 wurde die Schule – nach dem Namen der Straße, in der sie sich befindet und die nach dem schweizerischen Rütli benannt ist – offiziell in Rütli-Oberschule umbenannt. Ab 1966 war es in der Hauptschule möglich, eine freiwillige zehnte Klasse zu absolvieren, welche 1979 zur Pflicht für den erweiterten Hauptschulabschluss und auch bei höheren Leistungsanforderungen und gutem Notenprofil die Möglichkeit eines Realschulabschluss eröffnete.

Schulorganisation Bearbeiten

Mit der Leitung der Rütli-Schule ist seit 16. Oktober 2006 Aleksander Dzembritzki beauftragt. Neben Fachräumen für Bildende Kunst, Chemie, Musik und Physik verfügt die Schule über eine Schulküche, zwei PC-Räume und drei Turnhallen. Das Schulmuseum entstand in Zusammenarbeit mit dem Künstler Günter Evertz.

Kulturelle Vielschichtigkeit Bearbeiten

Im Schuljahr 2005/2006 gab es 13 Klassen mit 142 Jungen und 126 Mädchen. Von den Schülern sind etwa 35 Prozent arabischer, 25 Prozent türkischer und nur 17 Prozent deutscher Herkunft. Über 80 Prozent der Schüler sind Muslime. Die unterschiedliche Herkunft der Schüler stellt eine hohe pädagogische Herausforderung dar. Derzeitige pädagogische Innovationen sind auch durch markante Diskussionsbeiträge aus jüngster Vergangenheit in Gang gebracht worden.

  • Bereits 2004 berichtete die damalige Rektorin der Schule, Brigitte Pick, in der Presse, dass die multikulturellen Integrationsversuche zu scheitern drohen („Ich sehe eine große Verzweiflung bei den Lehrern.“). Sie selbst sei auch bedroht worden (Drohbrief, „Islam siegt“).[1] Laut Brigitte Pick „liegt das eigentliche Problem weder in der arabischen, türkischen oder serbischen (kosovo-albanischen), sondern in der sozialen Herkunft der Schüler und ihren mangelnden Perspektiven. So hat im letzten Schuljahr kein Schüler einen Ausbildungsplatz erhalten. Auf der anderen Seite versagt die Lehrerbildung, die die künftigen Lehrer nicht auf die soziale Wirklichkeit vorbereitet.[2]
  • Brandbrief 2006: Im März 2006 gelangte die Schule in die Schlagzeilen, als publik wurde, dass die Lehrer angeblich die Auflösung der Schule gefordert hatten. Dies wurde später als unwahr dementiert, vielmehr hatten die Lehrer vom Senat eine Lösung des Gewaltproblems an der Schule und die Überführung der Schule in eine andere Schulform gefordert.
  • Der damalige Berliner Senator für Bildung, Jugend und Sport, Klaus Böger, sagte, dass kein Schulstandort Berlins aufgegeben werden dürfe. Dafür stehe den Lehrern Polizeischutz zur Verfügung, um angemessenen Unterricht aufnehmen zu können. In einem Interview mit dem Sender RBB erklärten die Verantwortlichen, dass künftig drei Sozialbetreuer helfen würden, die Probleme in den Griff zu bekommen.
  • Anfang April 2006 baten der neue Interims-Rektor Helmut Hochschild und die Schulsprecherin Katrin El-Mahmout Medien und Politiker darum, die Schule weder in den beginnenden Wahlkampf Berlins hineinzuziehen, noch die Einrichtung als „Hass-Schule“ zu bezeichnen.[3] Insbesondere wurden auch Vorwürfe laut, Journalisten hätten Schüler für die Darstellung von Gewaltszenen bezahlt.[4]
  • Im Februar 2007 veröffentlichte Brigitte Pick ein Buch, in dem sie nach eigenen Angaben versucht, ihre Erfahrungen als Leiterin der Rütli-Schule zusammenzufassen.[5] Der Titel wurde von ihr medienwirksam durch eine Serie in der Boulevardzeitung Bild ergänzt.[6]

Pädagogische Konzepte Bearbeiten

Mit einer Vielzahl an schulischen Aktivitäten wurden neue Antworten auf die gesellschaftlichen Gegebenheiten entwickelt:

  • Projekt „Wahlpflicht-AG Boxen“:

Am 1. September 2006 startete das Wahlpflichtfach Boxen. Das Angebot ist der Versuch, den Jugendlichen über den Sport Regeln und Werte zu vermitteln. Initiator und Trainer dieses ehrgeizigen Projekts Michael Bensch, dokumentiert den Fortschritt dieses Projekts im Internet-Blog: Internet-Blog:Wahlpflichtfach „Boxen“

  • Projekt „Rütli Wear“:

Im Jahr 2006/2007 wurde das Projekt „Rütli Wear“ gestartet. Dabei können Schüler der achten bis zehnten Klassen im Siebdruck-Verfahren T-Shirts mit eigenen Grafiken produzieren und vermarkten diese online.[7] Dabei erwerben sie grafische, handwerkliche und Computer-Kenntnisse sowohl im Unterricht als auch in der Werkstatt einer Druck-Firma. Geplant ist zusätzlich der Aufbau des Schülerunternehmens „T-Shirt-Produktion“, deren Gewinn in einen Schulfonds fließen soll, um auch die kommerziellen Aspekte des Projektes aus der Hand der drei studentischen Initiatoren in Schülerhand zu geben.

  • Workshop der Showgruppe „Young Americans“:

Vom 22. bis zum 24. Mai 2006 fand ein dreitägiger Workshop[8] mit der 1962 gegründeten US-amerikanischen Showgruppe Young Americans statt. Vor gut 900 Zuschauern führten die Schüler zum Abschluss des Workshops ein Musical vor.[9]

  • Projekt „Zurück in die Zukunft“:

"Schulaussteiger" sollen wieder mittels vielfältiger Maßnahmen hinein geholt werden in den Lebensprozess mit Zukunft.

  • Patenschaft:

2007 wurde ein Patenschaftsvertrag zwischen dem Maxim-Gorki-Theater und der Rütli-Schule unterschrieben.

  • Kooperationsvertrag:

Zur Unterstützung einer frühzeitigen Berufsorientierung der Schülerinnen und Schüler wird die Schule durch ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn AG unterstützt.

Bekannte Schüler Bearbeiten

  • Hanno Günther, Schüler ab 1928, deutscher kommunistischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus
  • Hildegard Jadamowitz, kommunistische Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus
  • Horst Bosetzky, Schüler von 1946 bis 1951, bekannter Berliner Kriminalschriftsteller (-ky)
  • Arno Funke, Kaufhauserpresser, bekannt unter dem Pseudonym Dagobert.
  • Werner Steinbrink, Mitglied der Herbert Baum Gruppe.

Bekannte Lehrer Bearbeiten

  • Käthe Draeger, kommunistische Politikerin, Pädagogin und Psychoanalytikerin. Lehrerin (Einstellung 1926)
  • Wilhelm Wittbrodt, sozialdemokratischer Reformpädagoge, Politiker und Esperantist. Lehrer (Einstellung 1920), Schuldirektor (1925-1933)
  • Adolf Jensen, Reformpädagoge u.a. in Hamburg und Berlin-Neukölln, Publizist und ab 1929 Professor in Braunschweig
  • Fritz Hoffmann, Reformpädagoge, "singender" Lehrer und Schulleiter an der 31. Gemeindeschule und ab 48/49 der wichtigen Reform-Einheitsschule in Berlin-Neukölln (Britz), der heutigen Fritz-Karsen-Schule
  • Herbert Busse, Reformpädagoge und Bildungspolitiker, Kommunist; Lehrer, Konrektor (31.Gemeindeschule) und Stadtrat (1945) in Berlin-Neukölln, später div. Ämter in der SBZ/DDR
  • Bruno Lindtner, Reformpädagoge, Sozialdemokrat und aktives Mitglied der Roten Kämpfer in Berlin-Neukölln, Zuchthaus, Strafbattaillon, Leiter einer Antifa-Schule, der SED-Parteischule Grünau, der Volkshochschule Berlin-Köpenick
  • Fritz Lange, Lehrer (1919-24 an der 32. Gemeindeschule), kommunistischer Publizist, Bildungspolitiker, Stadtverordneter, Volksbildungsminister der DDR
  • Friedrich Weigelt, sozialdemokratischer Reformpädagoge, Gewerkschafter, Publizist und Journalist


Literatur Bearbeiten

  • Festschrift 75 Jahre Rütli-Schule, 1. Aufl., Berlin-Neukölln: Rütli-Oberschule, 1984, 93 S.
  • Schulreform Kontinuitäten und Brüche, Das Versuchsfeld Berlin-Neukölln, Bd. 1: 1912 bis 1945, Bd. 2 (mit Biografien und Registern): 1945 bis 1972, Opladen 1993. 415 bzw. 285 S.

Quellen Bearbeiten

  1. taz Berlin, 8. März 2004: Islam im Klassentest – reden oder regulieren?
  2. SPIEGEL, 3. April 2006: Rütli-Rektorin verdammt „Schulsystem aus dem Kaiserreich“
  3. Telepolis, 8. April 2006: Terrorschule oder Medienterror?
  4. taz Berlin, 5. April 2006: „Das ist Medienterror“
  5. Brigitte Pick: Kopfschüsse. Wer PISA nicht versteht, muss RÜTLI rechnen. Hamburg 2007. ISBN 3-89965-222-3
  6. Brigitte Pick: Horror Hauptschule. Serie. In: Bild, 7.-10.3.07. Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.
  7. ruetli.biz: Projekt Rütli
  8. youngamericans.org: Workshop der Showgruppe Young Americans
  9. gew-berlin.de: Workshop der Showgruppe Young Americans an der Rütli-Oberschule

Weblinks Bearbeiten

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