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Die Laborschule in Bielefeld ist Versuchsschule des Landes Nordrhein-Westfalen. Im Jahre 1974 wurde sie nach den Ideen des Pädagogen Prof. Dr. Hartmut von Hentig zusammen mit dem benachbarten Oberstufen-Kolleg Bielefeld gegründet.

Als Versuchsschule des Landes hat sie den Auftrag, „neue Formen des Lehrens und Lernens und Zusammenlebens in der Schule zu entwickeln“. Komplementär zur Versuchsschule existiert die Wissenschaftliche Einrichtung Laborschule, die als Institut der Universität Bielefeld die Arbeit der Schule begleitet und evaluiert. Leiterin dieser Einrichtung ist seit 2008 Barbara Koch-Priewe als Nachfolgerin von Klaus-Jürgen Tillmann (1994-2008).

An der Laborschule werden Schüler der Jahrgänge 0 bis 10 unterrichtet, wobei die Übergänge von einem Jahrgang zum nächsten fließend sind. Die Schule unterteilt nicht nach Jahrgängen, sondern nach Stufen, die mehrere Jahrgänge zusammenfassen, sich teilweise überschneiden und altersgemischte Gruppen bilden. Notenzeugnisse werden erst in den Jahrgängen 9 und 10 erteilt.

Schülerschaft Bearbeiten

Die Laborschule umfasst die Jahrgänge 0 (Vorschuljahr) bis 10 und umfasst insgesamt 660 Schüler. In jedem Jahr werden 60 Schüler neu eingeschult. Die Schule wird formal in vier Stufen gegliedert. Die Stufe I umfasst die Jahrgänge 0-2, die Stufe II die Jahrgänge 3-5, Stufe III die Jahrgänge 5-7 und die Stufe IV die Jahrgänge 8-10. Der Jahrgang 5 steht in einer verbindenden Funktion zwischen Primar- und Sekundarstufe.

Als „Proletarierschule“ und „Schule für alle“ will die Laborschule Kinder aus allen Schichten – insbesondere aus dem „Proletariermilieu“ – erreichen. Trotz eines Aufnahmeschlüssels und Anstrengungen der Schule verstärkt Kinder aus bildungsfernen Schichten für sich zu gewinnen, wurde dieses Zeil nicht erreicht. In 1,6 % der Fälle ist der Vater un- oder angelernter Arbeiter und in 3,2 % der Fälle Facharbeiter. Damit ist der Anteil niedriger als an nordrhein-westfälischen Gymnasien. Eltern mit Studium sind an der Laborschule überrepräsentiert. Die Laborschule führt dieses Bias zum einen darauf zurück, dass sie sich in unmittelbarer Nähe zur Universität befindet. In der Umgebung wohnen vor allem Kinder aus privilegierten Verhältnissen. Zum anderen sind Reformschulen vor allem für Eltern aus dem akademischen Milieu attraktiv.[1]

Das Beurteilungssystem der Laborschule Bielefeld Bearbeiten

Die Berichte zum Lernvorgang sind das der Pädagogik der Laborschule adäquate Instrument der Leistungsbewertung. Sie erlauben, im Gegensatz zu normierenden Bewertungssystemen, Schüler als Individuen zu würdigen, ihre Leistungen als Bestandteil und Ergebnis eines Entwicklungsprozesses unter verschiedenen Aspekten (dem des individuellen Lernvorgangs, dem des Lernens in der Gruppe und dem der jeweiligen Sache) in den Blick zu nehmen.

Die Berichte als mehrfunktionale Texte Bearbeiten

Im Unterschied zu Zensuren, die eindeutig-statistische Urteile darstellen, stellen die Berichte mehrfunktionale Textsorten dar:

  • sie dokumentieren, was der Schüler in diesem (Halb-) Jahr gelernt oder geleistet hat.
  • sie informieren zugleich die Eltern
  • sie würdigen die Leistung
  • sie stellen somit ein Mittel und eine besondere Form der Kommunikation zwischen den beteiligten Personen dar.

Adressaten der Berichte Bearbeiten

Die Berichte richten sich sowohl an das Kind als auch an die Eltern. Sie richten sich in der Regel unmittelbar an das Kind und sind in einer entsprechenden Sprache abgefasst. Die Eltern werden also mittelbar informiert. Sie können auch in der er/sie-Form abgefasst sein, wenn die Lehrer diese Form für adäquater halten.

Die Berichte im Kontext der pädagogischen Arbeit Bearbeiten

Die Berichte sind ein wichtiger Bestandteil der gesamten pädagogischen Arbeit der Schule und nur vor diesem Hintergrund zu verstehen. Das heißt:

  • Sie enthalten nichts wesentlich Neues, sondern dokumentieren und fassen zusammen, was den Schülern bereits bekannt ist: was und wie sie gearbeitet haben und wie die Lehrer dies beurteilen.
  • Sie beschreiben das Kind beziehungsweise den Jugendlichen und seine Leistungen vor dem Hintergrund seiner Entwicklung: Sie beziehen sich auf das was war und sind auch auf die Zukunft gerichtet.
  • Sie beschreiben und bewerten nicht nur, sondern geben auch Beratung, 'Unterstützung, Hilfe, Ermutigung.
  • Sie dürfen nie ver-urteilen, also nichts fest-schreiben, was das Kind als unabänderlich verstehen muss, z. B. Charaktereigenschaften. Sie beschreiben und würdigen vielmehr einen Lern- und Entwicklungsprozess.

Sie sind Bestandteil und Ergebnis eines kommunikativen Prozesses zwischen Erwachsenen und Kindern und können als solche auch veränderbar sein.

Die Berichte im Kontext der Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern Bearbeiten

Die Berichte sind ein wichtiger Bestandteil der Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern und nur vor diesem Hintergrund zu verstehen. Das heißt:

  • Die Berichte sollen eingebettet sein in Gespräche mit den Eltern. Auch für sie soll das, was ihnen schriftlich mitgeteilt wird, nichts wesentlich Neues sein.
  • Vertrauliche Informationen, die Gegenstand von Gesprächen sein können und sollen, sofern dies dem Verständnis und der Unterstützung des Kindes dient (z. B. Besonderheiten der häuslichen Situation), bilden einen persönlichen Kontext der Berichte, der den Eltern und den Lehrern bekannt ist, dürfen jedoch nicht Bestandteil der Berichte sein.
  • Gravierende Lernprobleme und Verhaltensauffälligkeiten müssen den Eltern in geeigneter Form mitgeteilt werden.
  • Die Berichte müssen klar und verständlich abgefasst sein.
  • Die Berichte müssen als besondere Form der laborschulspezifischen Beurteilungssystems für Eltern überzeugend sein. Sie dürfen keine verkappten Zensuren sein.
  • Auch den Eltern muss bewusst sein, dass die Berichte Bestandteil und Ergebnis eines kommunikativen Prozesses sind und als solche auch veränderbar sein können.
  • Zur Information der Eltern können stufenbezogene Planungspapiere und Übergangsqualifikationen den Berichten als Anlage beigefügt werden.

Form und Aufbau der Berichte zum Lernvorgang Bearbeiten

Eingangsstufe (Jahrgänge 0-2) Bearbeiten

In der Eingangsstufe werden die Berichte am Ende des 1. und 2. Schuljahres vergeben. Im Vorschuljahr erhalten die Kinder noch keine Berichte. Die Berichte sind als durchgehender Text formuliert: In die Beschreibung der verschiedenen Abschnitte des Tages sind die individuellen Berichte über das jeweilige Kind eingearbeitet. Als Anlage zu den Berichten wird ein Faltblatt erstellt, das die Eltern über die wichtigsten Merkmale der Eingangstufe und ihrer pädagogischen Arbeit informiert. Die Berichte werden in einer Mappe eingeheftet, die entsprechend ihrer besonderen Bedeutung gestaltet ist.

Stufe II (Jahrgänge 3-5) Bearbeiten

In der Stufe II werden die Berichte jeweils am Ende des Schuljahres vergeben. Am Ende des ersten Halbjahres ersetzen verpflichtende und ausführliche Beratungsgespräche mit den Eltern die schriftlichen Berichte. Es finden sowohl Gruppenelternabende wie auch Einzelgespräche mit den Eltern statt. Die schriftlichen Berichte entsprechen im Aufbau denen der Stufe III und IV, berücksichtigen aber die ganzheitliche Unterrichtskonzeption der Stufe II. Kinder, die die Schule verlassen, bekommen kein Notenzeugnis. Kinder die nach dem vierten Schuljahr auf weiterführende Schulen gehen wollen, erhalten auf Anforderung dieser Schulen ein Übergangsgutachten.

Stufe III und IV (Jahrgänge 6-10) Bearbeiten

In den Stufen III und IV schreiben zum Halbjahr die Betreuungslehrer einen Gruppenbericht sowie eine Beschreibung der einzelnen Schüler in ihrem Lern- und Sozialverhalten. Die individuellen Berichte werden auf der Basis von Stammgruppenkonferenzen geschrieben, bei denen alle Fachlehrer ihre Einschätzungen einbringen. Im Anschluss an die Ausgabe der Berichte schließen sich verpflichtende Beratungsgespräche (30 Minuten) von Eltern und ihren Kindern mit den Betreuungslehrkräften an, die von einer weitern Lehrkraft protokolliert werden und in der Regel in einer Lernvereinbarung münden, die von den Anwesenden unterschrieben wird. Fachlehrer bieten ebenfalls Sprechzeiten an.

Zum Schuljahresende erhalten Schüler von allen ihren Lehrern fachbezogene Beurteilungen ihrer Leistungen. Sie bestehen aus einer Unterrichtsbeschreibung und darauf bezogenem individuellen Bericht.

Abschlussberichte Bearbeiten

Nach dem 10. Schuljahr erhalten die abgehenden Schüler einen Abschlussbericht, der von dem jeweiligen Betreuungslehrer verfasst ist. Die Berichte sind in einer Mappe abgeheftet, deren äußere Gestaltung ihrer besonderen Bedeutung entspricht (in der Regel wird sie von Kindern der Stufe II entsprechend der besonderen Vorlieben des Schülers oder dem Schüler selbst illustriert). Darin befinden sich folgende Dokumente:

  • der Abschlussbericht
  • das Abschluss-Notenzeugnis
  • eine Übersicht über die Jahresarbeiten
  • eine Übersicht über die in der Stufe IV absolvierten Praktika

PISA-Test Bearbeiten

Die Laborschule Bielefeld wurde im Rahmen der PISA-Studien im Jahr 2002 von Forschern des MPIB (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung), Berlin, gesondert getestet. Die Auswertung ergab, dass die Schüler in Lesen und Naturwissenschaften die Leistungen erreichen, die von Schülern vergleichbarer sozialer Herkunft auch im Regelschulwesen erzielt werden. Dies gilt auch für Schüler des gymnasialen Niveaus. In Mathematik hingegen bleiben die Laborschüler hinter den Leistungen von Schülern vergleichbarer sozialer Herkunft des Regelschulwesens zurück.

Daneben wurde für den Bereich der Verantwortungsübernahme, dem politischen Verständnis und der Bereitschaft, ausländische Schüler zu integrieren, wesentlich bessere Ergebnisse erzielt als im Regelschulwesen. Vor allem für Mädchen bietet die Laborschule gute Lernbedingungen. Die Schüler und Eltern zeigen eine überdurchschnittliche Zufriedenheit mit der Schule und den Lehrkräften.

An der Laborschule wirken prinzipiell die gleichen Selektionsmechanismen wie im Regelschulsystem: Der Schulerfolg ist eng an die soziale Herkunft gekoppelt. Schüler aus einfachen Verhältnissen kommen selten zu guten oder sehr guten Leistungen. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Laborschule erfolgreich darin ist, Kinder aus einfachen Verhältnissen zumindest bis zum Schulabschluss zu bringen.[2]

Weiteres Bearbeiten

Die Schule ist Mitglied im Schulverbund 'Blick über den Zaun'.

Literatur Bearbeiten

  • Hartmut von Hentig: Die Bielefelder Laborschule. Aufgaben, Prinzipien, Einrichtungen, IMPULS (Schriftenreihe der Laborschule), Bd. 7, Bielefeld 1994 (4. Auflage), 47 Seiten, ISBN 3-929502-07-0
  • Wiltrud Döpp/Annemarie von der Groeben/Susanne Thurn: Lernberichte statt Zensuren. Erfahrungen von Schülern, Lehrern und Eltern. Verlag Julius Klinkhardt. Bad Heilbrunn 2002, 258 Seiten, ISBN 3-7815-1198-7
  • Susanne Thurn/Klaus-Jürgen Tillmann (Hrsg.): Laborschule - Modell für die Schule der Zukunft, Verlag Julius Klinkhardt. Bad Heilbrunn 2005, 284 Seiten, ISBN 3-7815-1377-7
  • Rainer Watermann, Susanne Thurn, Klaus-Jürgen Tillmann, Petra Stanat (Hrsg.): Die Laborschule im Spiegel ihrer PISA-Ergebnisse, Juventa Verlag. Weinheim 2005, 320 Seiten, ISBN 3-7799-1678-9

Siehe auch Bearbeiten

Weblinks Bearbeiten

Einzelnachweise Bearbeiten

  1. Rainer Watermann, Susanne Thurn, Petra Stanat: "Die Laborschule im Spiegel ihrer PISA-Ergebnisse - Pädagogisch-didaktische Konzepte und empirische Evaluation reformpädagogischer Praxis" - Veröffentlicht von Juventa, 2005; S. 73, 77, 80
  2. Rainer Watermann, Susanne Thurn, Petra Stanat: "Die Laborschule im Spiegel ihrer PISA-Ergebnisse - Pädagogisch-didaktische Konzepte und empirische Evaluation reformpädagogischer Praxis" - Veröffentlicht von Juventa, 2005; S. 62

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